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Brennstoffmangel, Wartungen erschweren KKW-Verlängerung
(Montel) Knappe Brennstoffe und möglicherweise notwendige Wartungsarbeiten könnten einer geplanten Verlängerung der KKW-Laufzeiten über das Jahr 2022 hinaus im Weg stehen, hieß es in dieser Woche aus Wirtschaft, Politik und von Experten.
Bericht: Christian Driessen
„Die Energie, die mit den aktuell eingesetzten Brennelementen oder durch weiteres Einsetzen der vorhandenen schon abgebrannten Brennelemente über das vorgesehene Abschaltdatum hinaus erzeugt werden kann, ist im Vergleich mit der üblichen Jahresproduktion gering“, teilte das baden-württembergische Umweltministerium Montel auf Anfrage mit.
Das Ministerium beaufsichtigt den Betrieb des ENBW-Reaktors Neckarwestheim 2 (1.320 MW), der am 24. Juni aus seiner vorerst letzten Jahreswartung zurückgekehrt war. Neue Brennelemente erhielt der Block nicht mehr.
„Vielmehr wurde der Reaktor mit den vorhandenen Brennelementen so bestückt, dass eine Stromproduktion bis zum Ende der gesetzlich definierten Laufzeit möglich ist“, teilte ENBW seinerzeit mit. Bis 31. Dezember muss der Block nach geltender Rechtslage wie die beiden anderen noch laufenden deutschen KKW außer Betrieb gehen.
RWE äußerte sich ähnlich zu der Lage im KKW Emsland A (1.336 MW). „Unser Kraftwerk Emsland in Lingen ist auf den Auslaufbetrieb zum Ende des Jahres ausgerichtet, entsprechend haben wir auch den Brennstoffeinsatz auf dieses Datum hin optimiert“, teilte das Unternehmen Montel mit.
Das Kraftwerk könne aufgrund der Optimierung schon in den Wochen vor der Stilllegung nicht mehr die volle Leistung bereitstellen. Transparenzdaten zeigen für den Block derzeit ab 4. November bis Jahresende eine Einschränkung von 145 MW an.
Zeitintensive Beschaffung
„Neue Brennelemente müssen für jede Anlage individuell hergestellt werden. Die Beschaffung von neuen Brennelementen dauert nach unseren Erfahrungen in der Regel 12-24 Monate“, so RWE.
Angesichts der Gaskrise hatten Oppositionsparteien und der Ampel-Koalitionspartner FDP zuletzt vermehrt eine Laufzeitverlängerung über das Jahr 2022 hinaus gefordert.
Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) hatte am Montag angekündigt, die Möglichkeiten zum Weiterbetrieb der KKW auf „Basis von klaren Fakten“ zu entscheiden. Dafür läuft derzeit ein zweiter Stresstest für das Stromsystem im Winter.
Bislang hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) den Weiterbetrieb kategorisch abgelehnt und unter anderem auf technologische Risiken und geringe Gaseinspareffekte verwiesen.
Drohende Wartungen
Offen ist zu diesem Zeitpunkt auch, welche Wartungsarbeiten an den Reaktoren geleistet werden müssten. So seien für Neckarwestheim Wartungen in Abstimmung mit der Aufsichtsbehörde verschoben worden, sodass die Restlaufzeit des Kraftwerks noch abgedeckt sei.
„Bei einem Betrieb über das Jahresende 2022 hinaus müssten Prüfungen und Wartungen, die dann fällig werden, realisiert oder die Möglichkeit der Tolerierung einer Verschiebung bis zum nächsten Anlagenstillstand geprüft werden“, teilte das Ministerium mit.
Ohnehin sei für einen Wechsel der Brennelemente eine Reaktorabschaltung notwendig, die bereits für Wartungsarbeiten und Reparaturen genutzt werden könne.
Die Denkfabrik Öko-Institut verwies auf große Zehnjahreswartungen, die im Jahr 2019 in allen drei verbleibenden Reaktoren fällig gewesen wären und durch Ausnahmeregelungen im Zuge des Ausstiegs aus der Kernenergie ausgesetzt wurden.
„Würden die Anlagen über den bisher festgelegten Zeitpunkt hinaus betrieben werden, müssten die entsprechenden Überprüfungen durchgeführt werden, damit ein Weiterbetrieb genehmigt werden könnte“, so das Öko-Institut.
Hohe Hürden
Weitere Faktoren wie fehlendes Personal, fehlende Ersatzteile und Versicherungskosten für den verlängerten Betrieb würden die Kosten der Laufzeitverlängerung deutlich nach oben treiben. „Dieses Geld ist in anderen Bereichen der Energieversorgung wesentlich sinnvoller angelegt“, so die Denkfabrik.
Ein Weiterbetrieb in den Wintermonaten 2023 lässt sich laut Öko-Institut unter den aktuellen Voraussetzungen nur realisieren, wenn die Stromproduktion bereits im Sommer auf die Hälfte gesenkt würde, um Brennstoff zu sparen. Auch dann seien aber noch aufwändige Schritte zur Schaffung der notwendigen Rechtsgrundlage erforderlich.
RWE verwies in der Gesamtbetrachtung der Ausgangslage auf hohe Hürden „für einen sinnvollen verlängerten Betrieb“.
Die Eon-Tochter PreussenElektra, die das Kraftwerk Isar 2 (1.410 MW) betreibt, wollte sich – wie auch ENBW – nicht zu hypothetischen Fragen einer Laufzeitverlängerung äußern und verwies auf die bisher ablehnende Haltung im BMWK.
„[Aber] wenn von der Bundesregierung gewünscht, steht die ENBW selbstverständlich weiterhin für Gespräche zur Verfügung“, sagte ein Sprecher des Unternehmens.